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Endlich online verfügbar

Alfons Hochhauser  Fischer in Griechenland

 

Das Manuskript, das die Vorlage für Werner Helwigs Roman Raubfischer in Hellas war

 

An Weihnachten 1945, ein halbes Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  erschien in Graz die erste Nummer von Der Lichtblick – Österreichische illustrierte Zeitschrift. Sie enthielt neben vielen anderen sehr unterschiedlichen Beiträgen den ersten Teil zu Alfons Hochhausers längerem Text.

 Die nächsten Folgen erschienen dann ab dem 5. Januar 1946 im Wochentakt in 5 Fortsetzungen. Hochhauser war während dieser Zeit, vom 1.10.1945 bis 23.9.1946 im Lager Weißenstein in Kärnten in britischer Internierungshaft. In seinem Nachkriegstagebuch aus dieser Zeit erwähnt er diese Veröffentlichung :„Aber es ist für mich doch eine Anstrengung das Schreiben, das Formen, das Ausdrücken dessen was und wie ich‘s sagen möchte, und das Nichtkönnen bringt mich fast zum Platzen. Wenn ich aber dann im Zug bin, freut es mich und füllt mich aus.“

Wie Hochhauser es schaffte, seinen Text in der Zeitschrift unterzubringen ist nicht bekannt. Seinen Äußerungen darüber im Nachkriegstagebuch könnte man entnehmen, dass er über die Veröffentlichung während der Haft noch gar nicht genau informiert war.

Die Österreichische Nationalbibliothek hat jetzt die Zeitschrift Der Lichtblick in digitalisierter Form ins Netz gestellt:

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=lbl&datum=19451224&zoom=33#                                                     Da es in den Heften kein Inhaltsverzeichnis mit Seitenzahlen gibt, muss man nach dem Text jeweils suchen.

Den einzelnen Folgen sind auch Fotos beigefügt, die allerdings, bedingt durch die damalige Technik, von minderer Qualität sind. Leider sind sie ausnahmslos ohne erklärenden Kommentar.

Hier einige Beispiele:

       

Xenophon in Doppelrolle?

 

Koulouri

 

Unter Fischern mit geistl. Beistand

Zur Geschichte des Manuskripts

Im Winter 1931/1932 hatte Hochhauser seine Erlebnisse mit den Dynamitfischern aus den Jahren 1928/1929 aufgeschrieben. Das Typoskript schickte er dann im Oktober 1932 an seinen Freund, den Schriftsteller Ernst Kreuder. Dessen Nachlass und damit auch das Manuskript befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. In Hochhausers Begleitbrief dazu schrieb er damals:

 „Du Ernst, wunderst Du Dich nicht über meine Fähigkeit, 12 Schreibmaschinenbogen zu schreiben. Ich sag Dir, hier muß einer ein Schriftsteller werden. In Österreich konnte ich keinen Satz schreiben. Hör mal, könntest Du aus meinen Aufzeichnungen nicht ein Filmstückerl schnitzen? Ich hab sie Dir geschenkt.“

Kreuder hatte offenbar kein Interesse an einer literarischen Verarbeitung des Stoffes. Als dann Werner Helwig 1935 Hochhauser im Pilion zum ersten Mal besuchte, übergab er ihm das Manuskript. Zusammen mit den mündlichen Erzählungen Hochhausers und ihren gemeinsamen Erlebnissen verarbeitete Helwig den Stoff zu seinem Erfolgsroman Raubfischer in Hellas, der 1939 erschien.  Man kann annehmen, dass Hochhauser seine Aufzeichnungen Helwig ähnlich großzügig überließ, wie er sie auch Ernst Kreuder angeboten hatte.

Als Hochhauser Ende 1938 vom Erscheinen des Romans erfuhr, wollte er an den Einnahmen beteiligt werden. Helwig, der sich zu dieser Zeit in seinem Schweizer Exil in existenzieller Notlage befand schrieb daraufhin an Hochhauser:

„Die Hellasfischer bestehen zum Teil aus einem Material, das von Dir selbst schriftlich fixiert wurde. Außerdem verdankt das ganze Buch der Tatsache Deiner Person seine Entstehung. … Zu sagen wäre natürlich (auch), dass der Stoff erst etwas wurde, indem er durch meine Person hindurchging.

Vergleicht man den Roman Raubfischer in Hellas mit Hochhausers Manuskript Fischer in Griechenland, so stellt man zahlreiche inhaltliche Übereinstimmungen fest. Schon der Titel hält sich eng an die Vorlage. Auch in den Formulierungen sind teiweise frappierende Ähnlichkeiten auszumachen. Gleichwohl muss man Helwig Recht geben. Unter literarischen Gesichtspunkten, ist mit dem Roman etwas Neues, Eigenes entstanden, darin Hochhausers Beitrag auf einer höheren Ebene aufgehoben ist.

 

Dieter Harsch, im November 2020

                                                                                                

Bei den Raubfischern

Bomben gegen Fische

Alfons Hochhauser über die Dynamitfischerei in Griechenland. Auszug aus der Serie “Der steirische Odysseus” in der Kronenzeitung, 1976, 4. und 5. Folge

 „Ich weiß nicht, wer auf den verhängnisvollen Gedanken kam, Fische nicht auf zünftige Weise zu fangen, sondern mit Bomben zu erschlagen“, meint Alfons Hochhauser bekümmert. „Gewiss ist aber, dass seit der Verbreitung des Dynamits in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Griechenland ein beispielloser Raubbau betrieben wird“.

Die Methode ist ebenso simpel, wie heimtückisch und gefährlich. Dynamitstäbe werden zwischen den Händen zerbröselt, zu Klumpen verschiedener Größe geformt, in dickes Papier gewickelt und rundum fest zugeschnürt. In ein Loch, mit einem eigenen Hölzchen in den Dynamitknödel gestochen, wird eine Zündkapsel gesteckt und danach ein Stück Zündschnur. In das Ende der Zündschnur kommt ein Streichholzkopf, der angerieben oder an der brennenden Zigarette entflammt wird.

 

„Um die Wasserspiegelung auszuschalten und beobachten zu können, was sich unten in der Tiefe tut, verwenden die Dynamitfischer einen Blechzylinder mit Glasboden – das Prinzip der Taucherbrille.

Foto: Aus dem Film Unternehmen Xarifa, 1954

Ein Mann hat den Kopf im Guckkasten und verfolgt die Beute, ein Gefährte führt nach seinen Anweisungen das Boot. Griffbereit liegen Bomben verschiedener Größe, nur faustgroße für kleine Fischschwärme, geballte Ladungen für große Schwärme. Dynamit ist teuer und soll nicht vergeudet werden“, erläutert Alfons.

 

 Sind die Raubfischer nahe genug an der Beute heran, zischt die Zündschnur auf, wird die Bombe weit über den Kopf ins Meer geschleudert.

                                                                    Foto: Aus dem Film Raubfischer in Hellas, 1959

Kurz darauf ein dumpfer Knall. Eine Wasserfontäne steigt hoch, ein Sprühregen geht über die Männer im Boot nieder. In weitem Umkreis sprudelt das Meer, tausende Luftblasen steigen empor. Dann kommen schon die ersten Fische tot an die Oberfläche – die Bombe hat getroffen.

 

Zeigt sich nicht sofort Wirkung, liegen die Fische vielleicht auf dem Grund, das Geschoß ging daneben oder die Fische waren so widerstandsfähig, dass sie den Explosionsdruck aushielten.Dynamit soll nur Sekunden nach dem Aufschlag auf dem Wasser explodieren, denn der Schwarm wird durch das Platschen gewarnt und gelangt womöglich außer Reichweite der tödlichen Druckwelle. Doch je kürzer die Zündschnur, desto gefährlicher wird die Sache.

Foto: Aus dem Film Raubfischer in Hellas, 1959

 Mit einem Käscher an einer Stange werden die oben treibenden Fische eingesammelt. Die zu Boden gesunkenen holen die Männer mit einem mehrzackigen Spieß, wie man ihn von Abbildungen des Meeresgottes Poseidon kennt, nach oben. Meister ihres Faches verstehen es, mit der linken Hand den Glaszylinder zu halten, durch den sie in die Tiefe starren, und die Harpune so geschickt zu führen, dass schließlich auf jeder Zinke ein durch die Kiemen gestochener Fisch steckt. Fische, die durch den Bauch gestochen wurden, sind entwertet und erzielen auf dem Markt nur noch den halben Preis. Vor allem aber: Das Einsammeln muß schnell gehen, sonst fressen Haie dem Fischer die Beute vor der Nase weg.

Das Unverantwortliche an dieser Methode ist: Nicht nur die großen Fische werden vom Dynamit getötet, auch die Kleinen, die ganze Brut. Man sagt: Raubfischer töten schon die Beute ihrer Söhne.

Ein Freund, von Dynamit zerrissen

„Dann kam eine besonders arge Methode auf, die wir Malagria nennen“, erzählt Alfons. „Mit geringer Dynamitdosis wird in ganz seichtem Wasser der Nachwuchs umgebracht und sorgfältig eingesammelt. Diese Spenadler, wie wir sagen würden, zerreiben die Fischer zwischen grobem Sand und werfen dieses Gemisch vor dem Morgengrauen als Köder dort aus, wo sie größere Fische vermuten. Nach einiger Zeit ein Bündel Dynamitpatronen mit kurzer Zündschnur an diese Stelle, eine riesige Explosion, und ein ganzer Schwarm ist unter Umständen in einer Sekunde erlegt.

Tausend Kilogramm Fisch erster Güte auf einen Schlag, das war in den Anfängen der Dynamitfischerei keine Seltenheit. Wozu in mühsamer Arbeit Netze und Angel auslegen, wenn man so viel reichere Beute machen konnte?“

Manchmal freilich explodierten die Bomben nicht erst im Wasser, sondern in der Hand des Raubfischers, oder schon in der Luft. Für viele Männer war dies das Letzte, das sie in ihrem Leben wahrgenommen haben. Riß es ihnen nur eine Hand oder einen Arm ab, konnten sie noch von Glück reden. Einige Fischer verwendeten riesige Bomben von fünfzig Zentimeter Durchmesser und mehr, dass sie die Sprengkörper nicht mehr schleudern konnten, sondern mit aller Kraft über die Bordwand hieven und ins Wasser lassen mussten. Die Zündschnur war extrem lang, damit das Boot bis zur Explosion aus dem Gefahrenbereich gerudert werden konnte.

„Ein guter Freund von mir, Michaeli, hatte die Angewohnheit, an seinen Riesenbomben eine Leine zu befestigen. Versagte der Zünder, konnte er das kostbare Dynamit heraufholen und wieder verwenden. Eines Tages nun verfing sich die Leine in der Halterung des Steuerruders und ohne dass er es merkte, schleppte er die Bombe hinter dem Boot nach. Man hat von ihm nur noch einen Arm weit oben auf den Felsen gefunden.“

Einige tausend Fischer haben auf diese Weise ihr Leben verloren oder sind zu Krüppeln geworden. Doch Verbote, Gesetze, Strafen – Dynamitfischer riskieren mindestens sechs Monate Gefängnis – nützten nur wenig. Die Staatsgewalt war weit, und wer sollte all die wilden, stürmischen Küsten und die vielen einsamen Buchten wirksam kontrollieren?

Tauchten einmal pro forma Küstenwachboote auf, spielten die Raubfischer die Braven, versteckten Dynamit und Zündkapseln und holten die Netze hervor. Hinzu kam: Wer einmal auf diese Weise seinen Lebensunterhalt verdient und reiche Beute gemacht hat, war wie von einer Leidenschaft besessen und konnte das Bombenbasteln nicht mehr lassen, selbst wenn die Fische immer weniger wurden und es ihm immer dreckiger ging. Keiner der Raubfischer, die ich kenne, ist damit reich geworden. Der Erfolg stand nie im richtigen Verhältnis zu dem Risiko, das er damit einging…”

 

Alfons und das Dynamit

Zwischen Verdammung und Faszination

 

Schon sehr früh muss Alfons Hochhauser die zerstörerische, katastrophale Wirkung der Dynamitfischerei für die Meeresökologie und ihre sozialen Folgen klar erkannt haben. Davon zeugt sein Manuskript “Fischer in Griechenland” von 1932. Im Roman “Raubfischer in Hellas” von Werner Helwig werden Hochhausers kritische Gedanken zur Dynamitfischerei literarisch veredelt. Es sind die selben unveränderten Argumente, wie sie dann auch im oben zitierten Text aus den Siebzigerjahren zu finden sind.

Gleichwohl ist Alfons’ tatsächliches Verhältnis zur Dynamitfischerei immer zwiespältig. Von ihr geht für ihn offenbar eine starke Faszination aus.

"Wer einmal auf diese Weise seinen Lebensunterhalt verdient und reiche Beute gemacht hat, war wie von einer Leidenschaft besessen und konnte das Bombenbasteln nicht mehr lassen..." - Alfons wusste offenbar, wovon er sprach...

Nach seiner Hirtenzeit in Mizela bei Apostol Samsarello geht Alfons Hochhauser 1929 nach Koulouri.

Koulouri um 1930, links Weinas, ganz rechts Alfons.

Foto bei Irene Dunkl

Samsarello hat ihn mit Jannis Weinas zusammengebracht. Der Fasshauer und Fischer Weinas besitzt am Kap Koulouri ein großes Grundstück mit einer Anlegestelle für Fischerboote. Dort wird Alfons eine Taverne für Fischer eröffnen.Die meisten Gäste sind Dynamitfischer. Sie bezahlen ihre Zeche mit Fischen. Alfons bringt sie in einer Kiste auf dem Rücken in einem Fußmarsch von mindestens sechs Stunden nach Volos zum Fischmarkt oder nach Portaria direkt zu den Hotels. Er ist also vom Erfolg der Raubfischer existenziell abhängig.

Ob Alfons in dieser Zeit auch selbst mit Dynamit fischte, ist nicht belegt. Als er aber wenige Monate danach von einem berüchtigten Schmuggler und Dynamitfischer, dem Psarathanas, gekidnappt wird, muss er sich als Bootsgenosse für Monate gegen seinen Willen am Dynamitgeschäft beteiligen.

Alfons mit Fischkiste, hier als Schreibtisch genutzt. Foto bei Ursula Prause

Mehr als 10 Jahre danach kommt Alfons Hochhauser erneut mit der Dynamitfischerei in Berührung: Als ortskundiger Fischereiexperte und Dolmetscher ist Alfons 1942, während des Krieges, an der Ägäis-Expedition von Hans Hass beteiligt. Um Haie anzulocken und diese zu filmen, engagierte man zunächst einheimische Dynamitfischer, zu denen Alfons den Kontakt herstellte. Diese werden von Hass sowohl in dem Film „Menschen unter Haien“ als auch in dem Buch „Menschen und Haie“ dämonisiert und als „wilde, verwegene Gesellen“, „Schurken“ und „zu jeder Untat fähig“ charakterisiert. Dass in Griechenland zur selben Zeit durch Besatzung und Plünderung der Staatskasse eine Hungerkatastrophe hunderttausende Opfer fordert und sich deshalb die Dynamitfischerei wieder ausbreitet, wird nicht erwähnt.

 An der Dynamitarbeit beteiligt sich dann vor der Insel Santorini die ganze Expeditionsbesatzung, allen voran Alfons Hochhauser. Dutzende Bomben werden geworfen. Bei der Explosion einer besonders großen Bombe werden fast zwei Tonnen Maifische (große Makrelen) getötet. Hass weiß um die Gesetzwidrigkeit derartigen Handelns, und er ist sich über die  katastrophalen Folgen der Explosionen für Fischbrut und Plankton im Klaren. Aber Strafverfolgung müssen er und die Mannschaft im Krieg, unter dem militärischen Schutz der Wehrmacht, nicht fürchten. Er rechtfertigt das kriminelle Tun mit wissenschaftlichem Interesse. Im Übrigen würden durch den Krieg auf den Meeren dauernd Explosionen stattfinden, weswegen es auf die paar Bomben auch nicht mehr ankomme.

Alfons Hochhauser, dem Hans Hass bei diesem Tun, sowohl im Film als auch im Buch, eine besonders aktive Rolle zuschreibt, hat sich dazu weder in der Serie “Der steirische Odysseus” noch in seinen Erinnerungen geäußert.

Man kann davon ausgehen, dass ihm dies später, als Pionier eines sanften, naturnahen und die Umwelt schonenden Tourismus, äußerst peinlich war.

Quellen: Friedrich Graupe: Der steirische Odysseus, 1976, Folgen 4, 5 und 9 und 10

Hans Hass: Menschen unter Haien, Expeditionsfilm 1942/1947;

Hans Hass: Menschen und Haie, Orell-Füssli, Zürich 1949

        

Dieter Harsch, im Januar 2015

 

 

 

post@alfons-hochhauser.de