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Bei den Raubfischern

Bomben gegen Fische

Alfons Hochhauser über die Dynamitfischerei in Griechenland. Auszug aus der Serie “Der steirische Odysseus” in der Kronenzeitung, 1976, 4. und 5. Folge

 

„Ich weiß nicht, wer auf den verhängnisvollen Gedanken kam, Fische nicht auf zünftige Weise zu fangen, sondern mit Bomben zu erschlagen“, meint Alfons Hochhauser bekümmert. „Gewiss ist aber, dass seit der Verbreitung des Dynamits in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Griechenland ein beispielloser Raubbau betrieben wird“.

Die Methode ist ebenso simpel, wie heimtückisch und gefährlich. Dynamitstäbe werden zwischen den Händen zerbröselt, zu Klumpen verschiedener Größe geformt, in dickes Papier gewickelt und rundum fest zugeschnürt. In ein Loch, mit einem eigenen Hölzchen in den Dynamitknödel gestochen, wird eine Zündkapsel gesteckt und danach ein Stück Zündschnur. In das Ende der Zündschnur kommt ein Streichholzkopf, der angerieben oder an der brennenden Zigarette entflammt wird.

 

„Um die Wasserspiegelung auszuschalten und beobachten zu können, was sich unten in der Tiefe tut, verwenden die Dynamitfischer einen Blechzylinder mit Glasboden – das Prinzip der Taucherbrille.

Foto: Aus dem Film Unternehmen Xarifa, 1954

Ein Mann hat den Kopf im Guckkasten und verfolgt die Beute, ein Gefährte führt nach seinen Anweisungen das Boot. Griffbereit liegen Bomben verschiedener Größe, nur faustgroße für kleine Fischschwärme, geballte Ladungen für große Schwärme. Dynamit ist teuer und soll nicht vergeudet werden“, erläutert Alfons.

 

 Sind die Raubfischer nahe genug an der Beute heran, zischt die Zündschnur auf, wird die Bombe weit über den Kopf ins Meer geschleudert.

                           Foto: Aus dem Film Raubfischer in Hellas, 1959

Kurz darauf ein dumpfer Knall. Eine Wasserfontäne steigt hoch, ein Sprühregen geht über die Männer im Boot nieder. In weitem Umkreis sprudelt das Meer, tausende Luftblasen steigen empor. Dann kommen schon die ersten Fische tot an die Oberfläche – die Bombe hat getroffen.

 

Zeigt sich nicht sofort Wirkung, liegen die Fische vielleicht auf dem Grund, das Geschoß ging daneben oder die Fische waren so widerstandsfähig, dass sie den Explosionsdruck aushielten.Dynamit soll nur Sekunden nach dem Aufschlag auf dem Wasser explodieren, denn der Schwarm wird durch das Platschen gewarnt und gelangt womöglich außer Reichweite der tödlichen Druckwelle. Doch je kürzer die Zündschnur, desto gefährlicher wird die Sache.

Foto: Aus dem Film Raubfischer in Hellas, 1959

 Mit einem Käscher an einer Stange werden die oben treibenden Fische eingesammelt. Die zu Boden gesunkenen holen die Männer mit einem mehrzackigen Spieß, wie man ihn von Abbildungen des Meeresgottes Poseidon kennt, nach oben. Meister ihres Faches verstehen es, mit der linken Hand den Glaszylinder zu halten, durch den sie in die Tiefe starren, und die Harpune so geschickt zu führen, dass schließlich auf jeder Zinke ein durch die Kiemen gestochener Fisch steckt. Fische, die durch den Bauch gestochen wurden, sind entwertet und erzielen auf dem Markt nur noch den halben Preis. Vor allem aber: Das Einsammeln muß schnell gehen, sonst fressen Haie dem Fischer die Beute vor der Nase weg.

Das Unverantwortliche an dieser Methode ist: Nicht nur die großen Fische werden vom Dynamit getötet, auch die Kleinen, die ganze Brut. Man sagt: Raubfischer töten schon die Beute ihrer Söhne.

Ein Freund, von Dynamit zerrissen

„Dann kam eine besonders arge Methode auf, die wir Malagria nennen“, erzählt Alfons. „Mit geringer Dynamitdosis wird in ganz seichtem Wasser der Nachwuchs umgebracht und sorgfältig eingesammelt. Diese Spenadler, wie wir sagen würden, zerreiben die Fischer zwischen grobem Sand und werfen dieses Gemisch vor dem Morgengrauen als Köder dort aus, wo sie größere Fische vermuten. Nach einiger Zeit ein Bündel Dynamitpatronen mit kurzer Zündschnur an diese Stelle, eine riesige Explosion, und ein ganzer Schwarm ist unter Umständen in einer Sekunde erlegt.

Tausend Kilogramm Fisch erster Güte auf einen Schlag, das war in den Anfängen der Dynamitfischerei keine Seltenheit. Wozu in mühsamer Arbeit Netze und Angel auslegen, wenn man so viel reichere Beute machen konnte?“

Manchmal freilich explodierten die Bomben nicht erst im Wasser, sondern in der Hand des Raubfischers, oder schon in der Luft. Für viele Männer war dies das Letzte, das sie in ihrem Leben wahrgenommen haben. Riß es ihnen nur eine Hand oder einen Arm ab, konnten sie noch von Glück reden. Einige Fischer verwendeten riesige Bomben von fünfzig Zentimeter Durchmesser und mehr, dass sie die Sprengkörper nicht mehr schleudern konnten, sondern mit aller Kraft über die Bordwand hieven und ins Wasser lassen mussten. Die Zündschnur war extrem lang, damit das Boot bis zur Explosion aus dem Gefahrenbereich gerudert werden konnte.

„Ein guter Freund von mir, Michaeli, hatte die Angewohnheit, an seinen Riesenbomben eine Leine zu befestigen. Versagte der Zünder, konnte er das kostbare Dynamit heraufholen und wieder verwenden. Eines Tages nun verfing sich die Leine in der Halterung des Steuerruders und ohne dass er es merkte, schleppte er die Bombe hinter dem Boot nach. Man hat von ihm nur noch einen Arm weit oben auf den Felsen gefunden.“

Einige tausend Fischer haben auf diese Weise ihr Leben verloren oder sind zu Krüppeln geworden. Doch Verbote, Gesetze, Strafen – Dynamitfischer riskieren mindestens sechs Monate Gefängnis – nützten nur wenig. Die Staatsgewalt war weit, und wer sollte all die wilden, stürmischen Küsten und die vielen einsamen Buchten wirksam kontrollieren?

Tauchten einmal pro forma Küstenwachboote auf, spielten die Raubfischer die Braven, versteckten Dynamit und Zündkapseln und holten die Netze hervor. Hinzu kam: Wer einmal auf diese Weise seinen Lebensunterhalt verdient und reiche Beute gemacht hat, war wie von einer Leidenschaft besessen und konnte das Bombenbasteln nicht mehr lassen, selbst wenn die Fische immer weniger wurden und es ihm immer dreckiger ging. Keiner der Raubfischer, die ich kenne, ist damit reich geworden. Der Erfolg stand nie im richtigen Verhältnis zu dem Risiko, das er damit einging…”

 

Alfons und das Dynamit

Zwischen Verdammung und Faszination

 

Schon sehr früh muss Alfons Hochhauser die zerstörerische, katastrophale Wirkung der Dynamitfischerei für die Meeresökologie und ihre sozialen Folgen klar erkannt haben. Davon zeugt sein Manuskript “Fischer in Griechenland” von 1932. Im Roman “Raubfischer in Hellas” von Werner Helwig werden Hochhausers kritische Gedanken zur Dynamitfischerei literarisch veredelt. Es sind die selben unveränderten Argumente, wie sie dann auch im oben zitierten Text aus den Siebzigerjahren zu finden sind.

Gleichwohl ist Alfons’ tatsächliches Verhältnis zur Dynamitfischerei immer zwiespältig. Von ihr geht für ihn offenbar eine starke Faszination aus.

"Wer einmal auf diese Weise seinen Lebensunterhalt verdient und reiche Beute gemacht hat, war wie von einer Leidenschaft besessen und konnte das Bombenbasteln nicht mehr lassen..." - Alfons wusste offenbar, wovon er sprach...

Nach seiner Hirtenzeit in Mizela bei Apostol Samsarello geht Alfons Hochhauser 1929 nach Koulouri.

Koulouri um 1930, links Weinas, ganz rechts Alfons.

Foto bei Irene Dunkl

Samsarello hat ihn mit Jannis Weinas zusammengebracht. Der Fasshauer und Fischer Weinas besitzt am Kap Koulouri ein großes Grundstück mit einer Anlegestelle für Fischerboote. Dort wird Alfons eine Taverne für Fischer eröffnen.Die meisten Gäste sind Dynamitfischer. Sie bezahlen ihre Zeche mit Fischen. Alfons bringt sie in einer Kiste auf dem Rücken in einem Fußmarsch von mindestens sechs Stunden nach Volos zum Fischmarkt oder nach Portaria direkt zu den Hotels. Er ist also vom Erfolg der Raubfischer existenziell abhängig.

Ob Alfons in dieser Zeit auch selbst mit Dynamit fischte, ist nicht belegt. Als er aber wenige Monate danach von einem berüchtigten Schmuggler und Dynamitfischer, dem Psarathanas, gekidnappt wird, muss er sich als Bootsgenosse für Monate gegen seinen Willen am Dynamitgeschäft beteiligen.

Alfons mit Fischkiste, hier als Schreibtisch genutzt. Foto bei Ursula Prause

Mehr als 10 Jahre danach kommt Alfons Hochhauser erneut mit der Dynamitfischerei in Berührung: Als ortskundiger Fischereiexperte und Dolmetscher ist Alfons 1942, während des Krieges, an der Ägäis-Expedition von Hans Hass beteiligt. Um Haie anzulocken und diese zu filmen, engagierte man zunächst einheimische Dynamitfischer, zu denen Alfons den Kontakt herstellte. Diese werden von Hass sowohl in dem Film „Menschen unter Haien“ als auch in dem Buch „Menschen und Haie“ dämonisiert und als „wilde, verwegene Gesellen“, „Schurken“ und „zu jeder Untat fähig“ charakterisiert. Dass in Griechenland zur selben Zeit durch Besatzung und Plünderung der Staatskasse eine Hungerkatastrophe hunderttausende Opfer fordert und sich deshalb die Dynamitfischerei wieder ausbreitet, wird nicht erwähnt.

 An der Dynamitarbeit beteiligt sich dann vor der Insel Santorini die ganze Expeditionsbesatzung, allen voran Alfons Hochhauser. Dutzende Bomben werden geworfen. Bei der Explosion einer besonders großen Bombe werden fast zwei Tonnen Maifische (große Makrelen) getötet. Hass weiß um die Gesetzwidrigkeit derartigen Handelns, und er ist sich über die  katastrophalen Folgen der Explosionen für Fischbrut und Plankton im Klaren. Aber Strafverfolgung müssen er und die Mannschaft im Krieg, unter dem militärischen Schutz der Wehrmacht, nicht fürchten. Er rechtfertigt das kriminelle Tun mit wissenschaftlichem Interesse. Im Übrigen würden durch den Krieg auf den Meeren dauernd Explosionen stattfinden, weswegen es auf die paar Bomben auch nicht mehr ankomme.

Alfons Hochhauser, dem Hans Hass bei diesem Tun, sowohl im Film als auch im Buch, eine besonders aktive Rolle zuschreibt, hat sich dazu weder in der Serie “Der steirische Odysseus” noch in seinen Erinnerungen geäußert.

Man kann davon ausgehen, dass ihm dies später, als Pionier eines sanften, naturnahen und die Umwelt schonenden Tourismus, äußerst peinlich war.

Quellen: Friedrich Graupe: Der steirische Odysseus, 1976, Folgen 4, 5 und 9 und 10

             Hans Hass: Menschen unter Haien, Expeditionsfilm 1942/1947;

         Hans Hass: Menschen und Haie, Orell-Füssli, Zürich 1949

        

Dieter Harsch, im Januar 2015

 

 

 

post@alfons-hochhauser.de