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Jürgen Kahle

Er war der Held ...

                                                               

Er war der Held und das strahlende Leitbild unserer jungenschaftlichen Griechenlandlandfahrten in den frühen fünfziger Jahren: Xenophon oder Clemens, mit bürgerlichem Namen Alfons Hochhauser, ein Steirer, den es auf verschlungenen Wegen schon früh nach Griechenland verschlagen hatte und der von unserem guten Freund und Lehrmeister Werner Helwig zur imaginären Zielfigur seiner vier Raubfischer-Romane[1] erkoren und mystisch aufgebaut worden war: als Sklave, Gefährte, Freund und Schicksalsgenosse derwilden Dynamitfischer an der zerklüfteten Küste des nördlichen Pelion; als Seemann, Fischer und Tavernenwirt, Bootsbauer, Schweinehirt, Kapellenbaumeister; ein schmächtiger David, der seinen schier übermächtigen Widersacher und Peiniger Psarathanas in großer Not mit einem einzigen Faustschlag erschlagen hatte, ein Eremit, der in der großen; durch Blitzschlagbrand ausgehöhlten Platane Kokinaja in den Waldeinöden nahe dem Kloster Flambouri lebte, archaisch und bedürfnislos, voll von Mythen und Mären, alten Geschichten und Weisheiten, Handfertigkeiten und Überlebenskünsten. Oft sei er an einem einzigen Tage, so

berichten Legenden, mit einer schweren Fischkiste auf dem Rücken die vierzig Kilometer über den gut 1000 m hohen Pelionkamm nach Volos geeilt, habe dort rechtzeitig vor Mittag seine Ware auf dem Markte verkauft und sei dann, nach ausgiebigem Besuche des Bordells, pünktlich zum Abendessen nach Kuluri zurückgekehrt – eine wahrhaft herakleische Leistung! (Unsereiner benötigt für die nämliche Strecke mit Mühe 3 Tage – wohlgemerkt ohne Fischkiste und Bordellbesuch!) Dass er nächtens die minutengenaue Zeit durch einen jähen Blick in die Gestirne minutengenau angeben konnte, habe ich selbst erlebt. Auch, dass er Thukydides und Herodot in der Urschrift las und übersetzen konnte.

 

 

Der Meeresforscher Hans Hass, in dessen Diensten er später auf dem Schiff Xarifa die Weltmeere befuhr und die noch junge Meereswissenschaft und den seinerzeit noch fast unbekannten Tauchsport beförderte, beschrieb sein Aussehen als das eines tuberkulös- rachitischen Raubmörders, seinen Anspruch als den (und sein Auftreten als das) eines Parlamentspräsidenten.

Werner Helwig hatte uns viel von seinem Freund erzählt, hatte aus seinen Büchern vorgelesen – und sobald sich die wirre Nachkriegszeit etwas entspannt hatte und solche Fahrten wieder denkbar wurden, schaukelten wir sechs Schüler, wohlversehen mit passablen Kenntnissen des Altgriechischen, eingepfercht zwischen Säcken und Körben 48 Stunden im überfüllten Orientexpress durch das streng kommunistische Jugoslawien in Richtung Hellas. Wir erklommen mit Hilfe einer von Helwig grob skizzierten Landkarte in schlimmer Sommerhitze das Kentaurengebirge des Pelion, stiegen durch schluchtige Waldgebirge hinab zur Ägäis, nach Zagora und Chorefto – zwei märchenhaft schönen wasserreichen platanenbeschatteten Dörfern, in denen wir gastlich aufgenommen und groß gefeiert wurden.

Wir waren sehr überrascht, dass es die in Helwigs Büchern erwähnten Namen und Gegebenheiten, die Buchten von Damuchari bis hin nach Kap Kuluri, die sagenumwitterte Ruinenstadt von Mizella, die Strände, Wildbäche, Katzenbuckelbrücken, die heiligen Kapellen und die Namen der Ägäis-Stürme wirklich gab, dass die erwähnten Personen wie die Familie Weinas aus Chorefto, die  Katina,  Chariklia, die Margitza, die Brüder Tragusti, der Großgrundbesitzer, Herr Samsarellos, selbst der einflussreiche Konsul Scheffel wirklich lebten, und dass der Schwiegervater von Alfons, Barbajanni, erst vor wenigen Jahren gestorben war.

Umgekehrt waren die Pelioniten erstaunt, dass da Jungen aus dem fernen Deutschland gekommen waren, deren Väter noch vor neun Jahren gegen sie gekämpft hatten, und die Bescheid wussten über den seltsamen „Paraxenos“ – den wunderlichen Mann aus Avstria, der im ganzen Pelion hohes Ansehen genoss; dass die Jungen wussten von den Menschen, mit denen er zusammengelebt und von den Orten, an denen er gehaust und gearbeitet hatte; Jungen, die in tagelangen beschwerlichen Märschen über die verfallenen Kalderimia- Eselspfade - durch stacheliges Gestrüpp und tiefe Schluchten auf seinen Spuren die fast menschenleeren und wasserarmen Waldeinöden des nördlichen Pelions erkundeten. Seither hatten wir so etwas wie ein positives Kainsmal auf der Stirn: „Ine Philo tou Alphon“ – er ist ein Freund von Alfons – war das Zauberwort, das sich bei den Bauern und Fischern schnell verbreitete, Herzen und Türen öffnete und uns viel Freundlichkeiten und Wohlwollen brachte.

Dass wir die ganzen Jahre einem Phantom hinterhergejagt waren; dass der „durch Helwig hindurchgegangene“

sich von dem realen Alfons ganz wesentlich unterschied, mussten wir Anfang der sechziger Jahre erfahren, als wir ihm zum ersten Mal begegneten. Mit seiner lieben und herzlichen Frau Chariklia betrieb er damals in einem aufgelassenen Kloster auf einer kleinen Insel nahe Volos – Jahre später dann in einem schlichten Laubhüttendorf in der weit entlegenen Bucht von Kuluri unter einfachsten Bedingungen so etwas wie eine Prominentenpension, in der er in seiner wunderlich-exaltierten Art vorwiegend wohlbetuchten Direktores, Doktores, Professores, Künstlern und Adelsvolk eine Art von hellenischem Freilichtmuseum eröffnete, dort aus der Not eine Tugend machte und ihnen gegen bare Münze eine Anleitung zum „einfachen Leben“ bot, ihnen bei der „Suche nach sich selbst“ behilflich war.

 

Wir jungen und wilden Menschen bedurften nun derartiger Erlebnishilfen und Bewusstseinserweiterungen überhaupt nicht; und es mag nicht nur an der Ungunst der Stunde, an unserer titellosen Bedeutungslosigkeit, an unserer Kirchenmaus-Armut gelegen haben sondern vor allem an unserer ignoranten Abneigung gegen sein affektiertes und devotes Getue, dass wir seine Zuwendung weder suchten noch fanden und auch rasch jedes Interesse an ihm verloren. Dagegen steht, dass er mit Sicherheit viele andersgelagerte Menschen sehr glücklich und ihr Leben reicher gemacht hat, ihnen neue Welten eröffnet hat. Wem es halt so gefiel!

Jahre später, so wird berichtet, nach dem Tode seiner geliebten Frau und gezeichnet von schwerer Krankheit, vereinsamte Alfons in seinem winzigen Haus in der entlegenen Kuluribucht. An einem Januartag des Jahres 1981 kam er mit einer Flasche Zipouro, einem hochprozentigen Anisschnaps, hinauf ins hochgelegene Dorf Veneton, verabschiedete sich dort von alten Freunden und stieg dann weiter zur Koromilià, einem langgestreckten Bergzug oberhalb der Ägäis. Als Wetterkundiger hatte er das Nahen einer Kaltfront gespürt – und so leerte er seine Flasche und ließ sich in einer Höhle[2] zu Tode frieren. Es war ein heroischer Tod, wie Werner Helwig dann respektvoll in einem Nachruf über den schillernden alten Freund und Genossen schrieb.

Oberhalb von Kuluri hatte sich Alfons ein tiefes Grab in den Fels gemeißelt – auf behördliche Anordnung wurde

er aber zunächst auf einem Friedhof in Volos beigesetzt. Erst nach Jahren wurden seine Gebeine dann Freunden ausgehändigt, die sich bereiterklärt hatten, die aufgelaufenen Bestattungskosten nachzuzahlen. Man wusch die Gebeine mit Wein, brachte sie nach

Kuluri und legte sie in die hoch über dem Meer, mit Blick in die aufgehende Sonne und auf den heiligen Berg Athos errichtete Steinkammer, zusammen mit den sterblichen Überresten seines Schwiegervaters Barbajanni und seiner Frau. Eine schlichte Steinplatte trägt die drei Namen; der Pfad dahin ist völlig verstrüppt und für Unkundige kaum zu finden. Dürre Zypressen stehen in der Macchia umher und umrahmen den Bezirk, an dem das Konzert tausender Zikaden und das krachende Brechen der Brandung in den schneeweißen Marmorklippen dicht unterhalb den mystischen Zauber des wundersamen Ortes verstärkt.

Am 15. Mai 2006 jährte sich der Geburtstag von Alfons zum hundertsten Male.

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[1] Die Titel der vier Pelionromane von Werner Helwig sind: „Raubfischer in Hellas“ (1939); „Im Dickicht des Pelion“(1941); „Reise ohne Heimkehr“(1953) und „Gegenwind“(1945). [2] Hochhausers Leiche fand man unter einer Baumgruppe auf dem besagten Bergrücken, noch teilweise von Schnee bedeckt.

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Fotos von oben: unbekannt / bei Ursula Prause / bei Hans-Hass-Institut / Jürgen Kahle / Jürgen Kahle / Kurt Berger / Dieter Harsch

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Angeregt durch die Helwigbücher trieb es in den letzten Jahren den pensionierten Pädagogen Dieter Harsch mit seiner Frau Heike mehrfach in die Gefilde des Nordpelions und an die Plätze des Alfons – mit einer kleinen Handcamera nahmen sie diesen wunderschönen Film auf von der Landschaft, den Leuten, den Siedlungen, vom Gebirge und den Blumen und Bäumen, von Kapellen und Klöstern, vom Meer, den Kliffs und Stränden – unterlegt mit alten Syrtaki- und Rembetikamusiken, mit nostalgischen Liedern, ergänzt durch seltene Filmausschnitte, durch Auszüge aus Helwigs Schriften und oft noch unbekannte Photos, die Dieter von Freunden zusammentrug.

Wer einen perfekten Film erwartet, wird vielleicht etwas enttäuscht sein – die gelegentlich mangelnde Technik wird aber durch die Schönheit der Bilder und den Charme des Einklangs von Bildern, Worten und Musiken mehr als ausgeglichen.

Jürgen Kahle

Dieter Harsch: Auf den Spuren von Alfons Hochhauser und Werner Helwig. Streifzüge durchs Dickicht des Pelion. DVD, 55 min, Neubearbeitung 2011

Kontakt:
Dieter Harsch
dieter.ha@t-online.de

 

post@alfons-hochhauser.de