Home
σελίδες στα Ελληνικά
Aktuell
Biografisches
Stationen
Erinnerungen
Nachrufe
Romane
Feuilletonistisches
Michael Kohlhase
 Jürgen Kahle
Michel Sivignon
Richard Fraunberger
Igor F. Petkovic
Dieter Harsch
Buchempfehlungen
Gastbeiträge
Kontakt-Formular

 

Michel Sivignon[1]

Alfonso und der Pilion - eine merkwürdige Geschichte

 

Zahlreiche Deutsche und Österreicher sind vom Pilion angezogen worden, die Nähe zum Meer und die Berge, die starken Kontraste in der Vegetation verführen - Kastanien auf der einen Seite, Olivenhaine auf der anderen. Hinzu kommt der Charme einer ländlichen Architektur von hoher Qualität und eines Klimas, das der erstickenden Hitze des Sommers entgeht. Viele sind in den Sechzigerjahren gekommen um hier zu leben, manche nur zeitweise, andere für immer. Aus einem gemieteten Ferienhaus wurde oft ein dauerhaftes Zuhause. Die Gründe für dieses Phänomen sollen etwas näher betrachtet werden.

 
Mit der Entwicklung des Massentourismus seit den 60er Jahren ist Griechenland nicht nur ein Ziel für Millionen von Touristen geworden (2008 waren es rund 18 Millionen), sondern für einige auch zum ständigen Wohnsitz. Seit dem Ende des Bürgerkrieges haben sich im Pilion zahlreiche Ausländer niedergelassen. Als Teil von Thessalien gelten im Pilion nicht die Beschränkungen des Kaufs von Wohneigentum für Nicht-Griechen, wie sie in anderen Regionen wie Makedonien, Thrakien, Epirus und einigen Inseln der Ägäis vorgeschrieben sind. Im Pelion konnten und können daher westeuropäische Ausländer Eigentum ohne besondere Beschränkungen erwerben.

Zwei Typen lassen sich bei diesen Neubürgern unterscheiden. Auf der einen Seite Künstler, Architekten und ganz allgemein diejenigen, die ihre Talente ausüben können, ohne in Deutschland leben zu müssen und dabei das milde Klima genießen. Auf der anderen Seite kamen junge Leute, die Schwierigkeiten bei der Sozialisation in einem Deutschland hatten, wo die Erinnerungen an die Nazi-Zeit frisch war. Sie stellten Fragen über die Haltung der Elterngeneration in der Zeit von 1933 bis 1945. Generell lehnten sie ein als „bürgerlich“ beurteiltes Deutschland zugunsten einer libertären Ideologie ab. Eine Einstellung, die sich von Frankreich ausgehend in ganz Europa als der „Geist von 68“ manifestierte. Manche der Siedler sind auf Dauer geblieben und ihre Kinder besuchten griechische Schulen. Neuerdings gibt es auch viele gemischte Paare. Für diese Ausländer ist Griechenland zu einer zweiten Heimat geworden. Sie haben die Sprache gelernt und schätzen die Kultur des Landes.

Später sind Ruheständler gekommen, für die diese Überlegungen kaum noch zählen - die Vorteile der nicht zu teuren Immobilieninvestition in einer angenehmen Umgebung sind für sie die wichtigsten Argumente. Ohne Zweifel ist die Ansiedlung von Ausländern aus Westeuropa nicht spezifisch für den Pilion, noch beschränkt sie sich auf die Deutschen. Viele aus Großbritannien sind in den letzten Jahren hinzugekommen und sogar auch einige Franzosen.

Mehrere spezifische Elemente charakterisieren aber die deutschsprachige Gemeinschaft im Pilion.
Ein überraschender, besonderer Grund scheint oft der Anstoß des Umzugs zu sein: die Rolle eines literarischen Bezugs - und parallel dazu das Beispiel einer ungewöhnlichen Persönlichkeit: Alfons Hochhauser, österreichischer Herkunft, der den größten Teil seines Lebens im Pilion verbracht hat.

Eine romantische Trilogie

Drei Bücher kann man in der Regel in den Regalen der Deutschen und Österreicher im Pelion finden. Ihr Autor ist der deutsche Romancier und Essayist Werner Helwig, 1905 in Hamburg geboren, das heißt, fast ein Zeitgenosse Alfons Hochhausers, der 1906 in Österreich geboren wurde, dessen Biograph Helwig aufgrund von drei Romanen geworden ist. Der erste war Raubfischer in Hellas, der in Leipzig im Jahre 1938 erschien. Dieses Buch wurde 1942 auch ins Französische übersetzt. Dann folgte Im Dickicht des Pelion, zunächst durch Asmus in Leipzig 1941veröffentlicht, und schließlich Reise ohne Heimkehr, nach dem Krieg in Hamburg im Jahr 1953 erschienen.
Zahlreiche nachfolgende Ausgaben dieser Werke wurden veröffentlicht, die letzte im Jahr 1991 als Paperback bei Reclam in Stuttgart. Ihr Schicksal während des NS-Regimes ist besonders überraschend. Einerseits war ihre Verbreitung für das gesamte Reichsgebiet verboten, andererseits wurden diese Bücher den Soldaten der Wehrmacht empfohlen. Die spätere Ausgabe (der Raubfischer) während des Krieges wurde in Oslo gedruckt, in einem Norwegen, das von den Deutschen besetzt war, und nicht in Deutschland. Vielleicht ist in diesen Widersprüchen ein Spiegelbild der ganz besonderen Haltung Werner Helwigs zu erkennen. Obwohl er zunächst eine gewisse Sympathie für bestimmte Formen der nationalsozialistischen Ideologie, oder vielmehr für die der Hitler-Jugend hatte, verließ Werner Helwig Deutschland in dem Moment, als Hitler 1933 die Macht übernahm. Er lebte später bis 1945 in der Schweiz, wo er dann auch bis zu seinem Tod im Jahr 1985 blieb.

Die Tatsache, dass sich Alfons Hochhauser viele Jahre lang als Fischer, dann als Vermieter von Unterkünften im Pilion aufhielt, wäre so gut wie unbekannt geblieben, wenn seine Geschichte nicht von Werner Helwig erzählt und zum Leben erweckt worden wäre. Viele Deutsche sind durch die Bücher von Werner Helwig oder durch Freunde, die ihn gelesen hatten, zum Pilion gekommen.

 

Die Romane der Trilogie dienten als Vermittler für eine Reise nach Griechenland, gefolgt von einem Aufenthalt über mehrere Monate, für ein paar Jahre oder ein ganzes Leben.

Ein Fall von Verführung durch gut geschriebene Fiktion? Ohne Zweifel: das erste Buch erzählt auf seine Weise, das Leben von Alfons alias Xenophon, der Fischer wurde, von einem tyrannischen „Meisterfischer“ gezwungen wurde mit Dynamit zu fischen, und der einen Weg zu finden versucht, um sich zu befreien. Das zweite Buch lässt die Ägäis hinter sich und spielt in den Hütten der Köhler, in den Wäldern und dem Dickicht des Hinterlandes. Diese Bücher sind ein Loblied auf das einfache Leben in einem Griechenland der Fischer und Holzfäller, ihre Art zu essen, zu trinken, zu arbeiten und zu entspannen, ohne Zugeständnisse an eine mechanisierte, städtische Zivilisation. Allerdings, auch wenn diese Romane ein Werk der literarischen Fiktion sind, haben sie als Rahmen eine Persönlichkeit aus Fleisch und Blut, die Werner Helwig getroffen hat, und mit der er sein Leben in den 30er Jahren mehrfach geteilt hat.

Dieser Mann, Alfons Hochhauser, wurde 1906 in der kleinen Stadt Judenburg in der Steiermark geboren. Sohn eines Handwerkers, fühlte er sich erdrückt durch die Familie und die dörfliche Umgebung. Österreich wurde durch den Vertrag von St. Germain en Laye (1919) in eine schmerzhafte und schwierige Nachkriegszeit geführt und Alfons floh seine Familie zum ersten Mal im Alter von 17 Jahren. Er kehrte zurück und brach sogleich wieder auf zu einer Reise in Richtung Orient. Er kam in Thessaloniki in die Gesellschaft von drei jungen Österreichern[2]. Sie wollten mit Hilfe einer Kamera, die Alfons von seinen Eltern bekommen hatte, Filme machen und sie publizieren. Das Projekt scheiterte und sie mussten die Stadt wieder verlassen, ohne dass sie ihr Projekt verwirklichen konnten. Verführt von Griechenland (und vom Pilion) blieb Hochhauser dort von 1927 bis 1938. Zu diesem Zeitpunkt wurde er deutscher Staatsbürger – eine Folge des Anschlusses Österreichs, und er wurde aus Griechenland ausgewiesen. Während dieser 11 bukolischen Jahre wurde Alfonso, wie er von den Griechen genannt wurde, dreimal von Werner Helwig besucht. Diese drei Besuche versorgten Werner Helwig mit dem Material für seine Bücher, dessen erstes unmittelbar nach 1939[3] erschien.

Vor dem Krieg: Werner Helwig und der "Wandervogel"
Die Faszination, die die Romane von Werner Helwig ausüben, findet ihre Ursprünge im Deutschland des 19. Jahrhunderts und in der Freikörper-Kultur-Ideologie, die sich im wilhelminischen Deutschland entwickelte. Sie förderte das „Zurück zur Natur“, und die Ablehnung der urbanen und industrialisierten Zivilisation. Die Freikörper-Kultur-Ideologie traf sich mit der damit verbundenen Bewegung der Pfadfinder, die in Großbritannien zur gleichen Zeit aufkam. Diese Bewegung war der Wandervogel, wörtlich Zugvogel. Er wurde 1901 in Deutschland gegründet. Er war sehr von der revolutionären Stimmung beeinflusst, die dem Ersten Weltkrieg folgte, brach dann zunächst zusammen, bevor sie neu gegründet und umbenannt wurde in „Nerother Wandervogel“. Neroth, ein Ort in der Eifel, wo der Gründer, Robert Oelbermann, eine Burgruine wieder aufbauen wollte, um dort die organisatorische Basis der Bewegung zu installieren. Werner Helwig war sehr stark in dieser Wandervogel-Bewegung engagiert, für die er Lieder und Hymnen komponierte. Der „Führer“ des Wandervogel, der auf Lebenszeit gewählt wurde, glaubte zunächst an die Möglichkeit der Infiltration der Hitler-Jugend, mit deren Ideologie es durchaus einige Gemeinsamkeiten gab. Allerdings lief es sehr schlecht für den Wandervogel. Robert Oelbermann wurde 1936 verhaftet und starb im KZ Dachau, im Jahre 1941. Die Führung der Bewegung übernahm nach dem Krieg Roberts Bruder Karl, der nach Südafrika ausgewandert war und nach Deutschland zurückkehrte.

 

Dieser Umweg rund um den Wandervogel führt zurück zu Alfons Hochhauser, der von Helwig als lebendiger Zeuge und ein Beispiel für die Bewegung gesehen worden war. In der Tat ist eine der wichtigsten Kennzeichen des Wandervogels, der den Namen rechtfertigt, die Initiierung von Fahrten Jugendlicher, die die Heimat für einen langen Zeitraum verlassen und verpflichtet sind, vollkommen auf sich selbst gestellt, für ihren Lebensunterhalt und die Kosten für ihre Reise zu sorgen. Alfons lebte wie die Wandervögel naturverbunden, mied  so weit wie möglich die mechanisierte und städtische Zivilisation, wollte das Gefühl der körperlichen Erschöpfung neu entdecken und sich von den Annehmlichkeiten der modernen Welt befreien. Das Leben von Alfons, wie es von Helwig wahrgenommen wurde, erschien als ein Archetyp - die Verwirklichung des Ideals des Wandervogel.

Diese Idealisierung hat ohne Zweifel Verwirrung und Verachtung mit sich gebracht. Das so beschriebene ideale Leben stand völlig im Widerspruch zu der Entwicklung der griechischen Gesellschaft und insbesondere der griechischen Gesellschaft in Pelion, wie sie sich nach dem Krieg entwickelte. In der Tat gab es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Gesellschaft wie sie in den Romanen beschrieben und idealisiert wurde und der griechischen Gesellschaft der Dreißigerjahre, einer armen Gesellschaft, aus der schon früh viele in die USA und nach Ägypten ausgewandert waren. Einer Diskrepanz auch zu der Nachkriegsgesellschaft, die sich nichts mehr wünschte, als den Eintritt in die urbane und industrialisierte Welt, aus der Alfonso und sein Biograf fliehen wollten. Außerdem endet Helwigs Beschreibung mit der Situation, die er vor 1939 wahrnehmen konnte, während der letzte Band „Reise ohne Heimkehr“, die am wenigsten einflussreiche, erst 1953 erschien.

Während des Krieges
Alfons Hochhauser verließ Griechenland im Jahr 1938 und seine Geschichte nahm eine andere Wendung vor seiner endgültigen Rückkehr nach Griechenland im Jahr 1957. Seine Abwesenheit dauerte fast 20 Jahre. Er war 33 Jahre alt, als der Krieg erklärt wurde, und er scheint überhaupt nicht gewillt, sich in dem Konflikt zu engagieren. Zunächst war er in der Steiermark, der Provinz seiner Geburt, dann heuerte er als Heizer auf einem Schiff in der Ostsee an und wurde anschließend wegen seiner griechischen Sprachkenntnisse zum Dolmetscher-Dienst in der Wehrmacht rekrutiert. Zur selben Zeit bereitete der Unterwasserpionier Hans Hass, ein Österreicher, eine Expedition vor, an der auch die Wehrmacht wegen dessen technischem Wissen über das Tauchen interessiert war. Hans Hass engagierte Alfons Hochhauser für eine Expedition in die Ägäis von 1941-42.  Auch er hatte „Raubfischer in Hellas“ gelesen und er kannte Alfons durch diese Lektüre. Nach dieser Expedition wurde Alfons als militärischer Dolmetscher in den Dienst der Geheimen Feldpolizei, Gruppe 510 der deutschen Wehrmacht in Griechenland aufgenommen. Er wurde am 10. Juni 1944 während einer Schlacht mit den Partisanen in dem Dorf Stiri, in der Nähe von Distomo in Böotien schwer am Kopf verletzt[4]. Es war nach dieser Konfrontation, als die deutsche Armee das Dorf Distomo zerstörte und die 200 Einwohner massakrierte.

Nach dem Krieg wurde Alfons erneut von Hans Hass angefordert, und arbeitete mit ihm bis 1956. Mehrere Expeditionen wurden unternommen, insbesondere im Roten Meer. Drei Dokumentarfilme erschienen, in denen Alfons Nebenrollen spielte:
Menschen unter Haien (1948); Abenteuer im Roten Meer (1951); Unternehmen Xarifa (1954).
Diese erfolgreichen Filme gaben den Anstoß zu der Idee, einen Spielfilm zu machen, der auf dem Roman von Werner Helwig,  Raubfischer in Hellas basierte. Der Film, mit dem Titel des Buches unter der Regie von Horst Hächler, kam 1959 in die Kinos. Die Hauptdarstellerin war die Österreicherin Maria Schell, außerdem spielten Cliff Robertson und Cameron Mitchell in den Hauptrollen. Es war ein kommerzieller Misserfolg und ein mittelmäßiger Film. In der Folge brach ein schwerer Streit zwischen Hochhauser und Helwig über die Frage der Rechte an dem Film aus. Wem sollten sie gehören? Dem Autor des Romans oder der Quelle seiner Inspiration? Die beiden Freunde hatten einen lang anhaltenden Streit, aber ihre Beziehung war bereits durch die gleiche Frage in Bezug auf das Urheberrecht zu den Romanen belastet. Es scheint klar, dass Hochhauser immer den Teufel bei den Hörnern nahm.

Die Rückkehr nach Griechenland
Als Alfons im Jahre 1957 nach Griechenland zurückkam, war er bereits über 50 und musste seinen Lebensunterhalt verdienen. Er heiratete Chariklia, eine Frau aus Zagora, mit der er bis zu seinem Ende sein Leben teilte. So begann seine zweite Periode in Griechenland im Pelion, durch die er bekannter wurde.
Er versuchte sich damals als Hotelier und Tourismus-Unternehmer. Auf der winzigen Insel Palaio Trikeri, mit Blick auf das Dorf Trikeri pachtete er ein verlassenes Kloster. Trikeri nimmt eine ganz besondere Stellung im Pelion ein, denn es ist das südlichste Dorf am äußersten Ende der Halbinsel. Die asphaltierte Straße, die es mit den anderen Dörfern des Pelion verbindet, ist ziemlich neu und wurde erst vor etwa 15 Jahren gebaut. Davor konnte man nicht anders nach Trikeri kommen als mit dem Boot oder allenfalls auf einem Maultierpfad. Eine Reise, die einen ganzen Tag in Anspruch nahm von Milina, dem nächstgelegenen Dorf. Auf den ersten Blick hat der unwirtliche Kalksteinrücken, der Trikeri vom übrigen Pelion trennt, nichts zu bieten. Er ist ohne Trinkwasser und nur für Ziegen und ein paar Olivenbäume in den Senken geeignet. Die kleine Insel Palaio Trikeri war während des Bürgerkrieges ein Straflager für weibliche Gefangene der linken Volksfront.

Deutsche, die als Jugendliche Gäste im Kloster von Palaio Trikeri waren, beschreiben einen Alfons, der Bootsfahrten an den Küsten des Pelion und zu den Sporaden organisierte. Alfons versuchte, die Einheimischen zu überzeugen, auf ihre motorisierten Boote zu Gunsten von Ruderbooten zu verzichten. Allerdings hat er sein schönes Boot mit einem Rolls-Royce – Dieselmotor ausgestattet.  Der Komfort der Zellen war rustikal, aber die Preise waren nicht ganz billig. Ein junger Mensch, in einem Schlafsaal mit sechs Betten, bezahlte 1962 bei einem Aufenhalt von 13 Tagen 45 Drachmen pro Tag. Zu dieser Zeit kostete ein Kaffee 2 Drachmen, und ich erinnere mich, daß man in Thessaloniki für 7 Drachmen zu Mittag essen konnte. Ein Deutscher erinnert sich an eine lebhafte Diskussion mit jungen Damen über die verlangten Preise.  

Von Anfang an setzte Alfons seine Autorität mit Gutmütigkeit ein und auf einem Abend mit lärmenden Jugendlichen erschien er in seinem langen, weißen Nachthemd mit einer Kerze in der Hand  mit der Empfehlung, den Alkohol doch bitte in Maßen zu genießen.

In einem Brief an die Mutter eines jungen Mannes, die nach einigen Details in Bezug auf die Qualität des Essens fragte, antwortete Alfons beruhigend. Er rühmte die Vorzüge seiner Bohnen-Suppe, der fasolada und erklärte, dass es an nichts fehle. Alfons gab sich nicht als Bekehrer, und den jungen Menschen, die vor allem an Sport und Angeln interessiert waren, gefiel dieser Stil sehr gut.

Der Ruf von Alfons‘ klösterlicher Herberge wurde auch von der österreichischen Presse gepflegt; eine ganze Reihe von Artikeln wurden ihm in Wochenzeitschriften gewidmet.

Das Trikeri- Unternehmen endete 1969, weil die Kirche die Pacht immer weiter erhöhte und so beschloss Alfons, den Vertrag zu beenden und Palaio Trikeri zu verlassen. Er musste einen anderen Ort für die Durchführung seiner Aktivitäten finden. So kehrte er in das Gebiet an der nordöstlichen Küste des Pelion, zwischen Zagora und Veneto zurück, wo er vor dem Krieg gelebt hatte. Er zog nach einem Ort mit dem Namen Koulouri, einer Schlucht in der Nähe der Ruinen von Mitzela.

Hier aber waren die Lebensbedingungen viel schwieriger. Er musste zunächst ein Haus bauen, in dem er wohnen konnte und das als Taverne diente, Während die Gäste in einfachen Hütten untergebracht wurden. Aber anscheinend gab es keinen Mangel an Besuchern. Allen ist der Aufenthalt und der Herr des Hauses unvergesslich. Sie beschreiben ihn als asketisch, groß und mager mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, die an Henry de Monfreid[5] erinnern. Er ging stets sehr aufrecht, und selbst wenn er barfuß war, grüßte er mit Pathos und schlug die Haken zusammen. Im Winter ging er nie ohne seinen langen Gabardine-Regenmantel aus dem Haus. Es wurde behauptet, dass er zu Fuß von Kuluri nachVolos ging, um seine Fische zu verkaufen, aber diese Geschichte ist sehr unwahrscheinlich, angesichts der Entfernung. Außerdem verwechselt sie die beiden Perioden im Leben von Alfons: Die Vorkriegszeit als er Fischer war mit seiner zweiten Periode in Kuluri nach 1969 als Gastwirt. So ist das mit den Legenden um Alfons, die sich immer weiter ausbreiten.

Die Abenteuer von Alfonso endeten im Jahr 1981. Durch einen Lungenkrebs fühlte er seine Kräfte schwinden. An einem eisigen 15. Januar brach Alfons mit einer Flasche Tsipouro, dem regionalen Schnaps, auf. Draußen auf dem Weg zum Kloster Flamouri hielt er inne. Dort fand man zwei Monate später seine Leiche an einem Platz, den er im Voraus festgelegt hatte.

Die Legende von Alfons
Dieses romantische Ende rundet die Legende ab. Werner Helwig schrieb dann in der Presse einen emotionalen Nachruf auf ihn, der sein Freund war, was auch immer an trennenden Streitigkeiten gewesen sein mochte. Es folgten weitere Artikel, vor allem in Österreich, in denen verschiedene Teile seiner Korrespondenz vorgestellt wurden.

 

Aber diese Legende, die sich in den deutschsprachigen Ländern entwickelt hat, taugt sie auch in Griechenland? Ist die Geschichte von Alfonso wirklich Roman? Alfonso steht in einer Reihe mit anderen Liebhabern Griechenlands und Helwig ist der Nachfolger von anderen Autoren. Wie viele Reisende haben sich auf den Weg nach Griechenland gemacht, nach der Lektüre von Chateaubriand oder auch Edmond About? Alfonso ist kaum ein Literat, obwohl er sich als Autodidakt ganz gut auszudrücken weiß. Er ist eher ein Mann der Tat, darauf bedacht, eine Kunst des Lebens in dem Land zu vermitteln, das ihn bezauberte. Er ist nicht ein Reisender nach dem Stil von Henry Miller und seinem Koloss von Maroussi… Es ist vielleicht sein hervorstechendes Merkmal, ein einfacher Mann zu sein, ohne Affekthascherei, ohne anspruchsvollen Bezug auf die Antike, die seine Anziehungskraft ausmacht. Alle jungen Deutschen und Österreicher können sich mit ihm vergleichen und wollen ihn imitieren.

Die Geschichte von Alfonso ist sehr zeit- und ortsgebunden. Sie ist zeitgebunden: Er ist ein Mann des 20. Jahrhunderts. Man findet bei Koulouri das Häuschen, das er gebaut hat, die Bucht, wo er sein Boot festgemacht hat, und mehrere Texte aus den letzten Jahren mit dem Titel "Auf den Spuren von Alfons Hochhauser" beschreiben die Reisen von jungen Leuten, die die Gegend besuchten, wo er gelebt hat. Obwohl er in seiner Korrespondenz nicht zögert, die alten Mythen aufzurufen (Pelion war der Berg der Kentauren), sind Verweise auf die Antike marginal. Alfonso besuchte mit seinen Gästen zwar einige Ruinen in Mitzela, aber das spielte keine große Rolle, und in der Tat ist der Pelion nicht besonders reich an Zeugnissen der klassischen Antike.

Die Geschichte von Alfonso ist streng auf den Pelion begrenzt. Dies ist auf den ersten Blick, einer der Teile Griechenlands, die stark regional geprägt sind, die Grenzen sind klar und die charakteristische Natur und Geschichte wirken verbindend.


Die Geschichte von Alfonso ist die einer Begegnung zwischen einem Mann und einer Landschaft, und eine Begegnung zwischen dem Nachhall eines Zeitalters und einer anderen Gesellschaft (der deutschen Nachkriegsgesellschaft). Diese Gesellschaft suchte eine Ablenkung durch Reisen in andere Länder, Ablenkung, die junge Franzosen und Briten, jedenfalls bis in die 50er-Jahre, in kolonialen Abenteuern finden konnten.

Der Wunsch, einem langweilig empfundenen Alltag zu entfliehen, eint die Jugend aller Industrieländern. Scouting und der Wandervogel reagieren auf dieses Bedürfnis. Dieser Wunsch findet in Frankreich ein Echo in den Zellidja Stipendien von Jean Walter, die im Jahre 1939 geschaffen wurden. Die Stipendien an junge Menschen werden in den beiden letzten Jahren der weiterführenden Schule eingesetzt und bieten ihnen ein Reisestipendium für ein Minimum von 1 Monat. Die Bewerber müssen ein Projekt vorschlagen und am Schluss einen Bericht fertigen. In einigen Fällen sind die Stipendiaten von ihrem Projekt so begeistert, dass sie erst ein Jahr später zurückkehren.

Das herausragenste Beispiel aus Großbritannien war ohne Zweifel Patrick Leigh Fermor. Er verließ die Schule, in die ihn seine Eltern, die in Indien lebten, geschickt hatten, zu einer Tour zu Fuß durch Europa. Er startete im Dezember1933, durchquerte Deutschland, wo die Nazis an die Macht gekommen waren, dann alle Länder Zentraleuropas bis zum Bosporus. Im Frühjahr 1935 war er auf dem Berg Athos. Einige Jahre später schrieb er dazu den Reisebericht in zwei Bänden, "Die Zeit der Gaben" und "Zwischen Wäldern und Wasser". Diese beiden Werke, die den ersten Teil seiner langen und schwierigen Wanderung bis zu seiner Ankunft in Bulgarien erzählen, werden zu Recht zu den Meisterwerken der Reiseliteratur in englischer Sprache gezählt.

In einem sehr viel bescheideneren Maß und indirekt, durch die Romane von Helwig, hat Alfonso Hochhauser für deutschsprachige Reisende die Rolle eines Fährmannes nach Griechenland gespielt und spielt sie noch immer.

Allerdings ist diese Geschichte nicht ohne Missverständnisse. Es scheint, dass die Beziehungen Alfons’zu den Griechen nicht immer ganz wolkenlos waren. Er erwähnt diese Schwierigkeiten in seinen Briefen. In einem Schreiben an einen Bekannten in Kanada, erläutert er seine Pläne, die Jagd im Gebiet um Kuluri zu verbieten. Angesichts der Jagdleidenschaft der Griechen konnte er damit kaum begeistern.

 

Die Geschichte von Alfonso ist den Griechen in der Region bekannt und sie erzählen sie gerne. Doch die Griechen sehen ihn weniger als einen legendären deutschen Öko-Aktivisten sondern eher als einen deutschen Geheimdienst-Offizier während des Zweiten Weltkriegs. Stand er etwa in Verbindung mit Admiral Canaris, dem Chef der Spionage-Abwehr? Oder spielte er eine doppelte Rolle in Verbindung mit der britischen Admiralität? Genug Fragen für gravierende Unterschiede bei der Interpretation seiner Rolle.

Autor: Professor Michel Sivignon, Paris und Kalamos in Revue Desmos,  N ° 31; 2009

Herausgegeben von der Librairie Hellenique, 14 rue Vandamme, 75014 Paris (France).

Aus dem Französischen übersetzt von Dieter Harsch



[1] Anmerkung des Autors: Der Artikel basiert auf den verfügbaren Seiten im Netz und auf Informationen von Zeitzeugen, die Alfons kannten. Ich bedanke mich bei meinen Informanten: Rita Baud-Bovy, Ulrich Bernhardt, Gerlinde Falk, France Fritsch, Jörg Gollmann, Liesel und Franz Härle, Hans Koch, Yannis Patinaris, Renate Townsend (NdA).

[2] Anm. d. Übers.: Tatsächlich waren es zwei junge Deutsche, die späteren Schriftsteller, Ernst Kreuder und Hans Ulbrich und ein Amerikaner namens Bill

[3] Anm. d. Übers.: „Raubfischer in Hellas“ erschien 1939

[4] Anm. des Übers.: Nach neuen Erkenntnissen trifft dies nicht zu. Hochhauser war zur fraglichen Zeit zu einem Aufklärungsauftrag in der Ägäis unterwegs und wurde nie am Kopf verletzt.

[5] Anm. des Übers.: Henry de Montfreid, franz. Schriftsteller und Abenteurer (1879-1974) dessen Aussehen und Lebenswandel gewisse Parallelen zu Hochhauser aufweisen.

 

 

post@alfons-hochhauser.de