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Thessaloniki, die Stadt, das Meer, im Hintergrund das Olymp-Massiv

 Thessaloniki und das Unternehmen Zeitfilm

                                                                                                                   

Die Fakten zu diesem Artikel stammen aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers Ernst Kreuder, der sich 1926 / 1927 zusammen mit seinem Freund Hanns Ulbricht auf einer zehnmonatigen Reise durch den Balkan und Griechenland befand und in Thessaloniki mit Alfons Hochhauser zusammentraf. Alle Zitate, die nicht anderweitig zugeordnet werden, stammen von ihm. Ernst Kreuders Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.

Sie sind zu viert: Bill, der amerikanische Maler, die beiden deutschen Weltenbummler und späteren Schriftsteller Hanns Ulbricht und Ernst Kreuder, sowie Alfons,"der Filmoperateur, ein zwanzigjähriger, abenteuerlicher, ungemein sympathischer Österreicher...". Im November 1926 sind sie sich zufällig in Thessaloniki begegnet, haben sich zusammengetan und sich selbstbewusst und voller Zuversicht Unternehmen Zeitfilm genannt.

 

Das Objekt, auf das sich die Hoffnungen gründet, ist die Ernemann Kinette, eine damals hochmoderne, handliche Filmkamera. Hochhausers Eltern hatten sie ihm gekauft, hoffend Alfons möge sich mit ihrer Hilfe doch noch eine bürgerliche Existenz aufbauen. Die Vier wohnen unentgeltlich auf dem Dach eines siebenstöckigen Hotelneubaus, dessen Räume noch nicht fertig sind. Ihre Bleibe sind zwei winzige Kammern: Das Wohnzimmer in der "Größe zweier Telephonzellen" ist mit einem selbst gezimmerten Tischchen und Stühlen aus Lattenkisten eingerichtet. Ein kleiner Petroleumofen dient als Heizung und Herd. Das Schlafzimmer, ebenso klein, wird laufend mit Zeitungen ausgelegt.

 

 

Dort schlafen die Freunde nebeneinander auf Kleidungsstücken liegend, die Rucksäcke als Kopfkissen nutzend. Die Maurer spielen in der Mittagspause nebenan auf dem Dach Fußball, und die Freunde genießen die traumhafte Aussicht auf die große Stadt, auf den Hafen mit großen und kleinen Schiffen, aufs Meer und auf die Schneegipfel des Olymp. Föns, wie die anderen Alfons nennen, erzählt in seinem "hintersteierwälder Jargon" und mit trockenem Humor von seinen Verhandlungen mit potentiellen Filmkunden oder spannende Geschichten von seinen zurückliegenden Fahrten, wobei er sich auch ausgiebig erotischen Erlebnissen bis ins letzte Detail widmet. 

 Föns ist aber auch eindeutig der organisatorische Kopf des Quartetts. Große Pläne werden gemacht: Reklamefilme, ein Film über die Stadt "Salonique", über griechische Inseln, und auch Grotesken sind angedacht. Alfons will sogar eine ihm angeblich bekannte Filmdiva aus Graz kommen lassen. Die Aufgaben sind bereits verteilt: Bill ist für die graphische Gestaltung und für Zeichnungen zuständig. Die Drehbücher soll Ernst Kreuder schreiben. Hanns Ulbricht ist als Regisseur vorgesehen und Alfons ist Produzent und Kameramann. - Es gibt allerdings ein Problem: Die Kinette musste bei der Einfuhr teuer verzollt werden und war dann gleich defekt. Zur Reparatur wurde sie nach Deutschland geschickt und kam erst nach Wochen zurück, Reparaturkosten und erneuter Zoll: fast 5000 Drachmen, ungefähr 200 Mark. "Wir stehen auf dem Kopf, haben Filmaufträge und können den Apparat nicht einlösen", schreibt Ernst Kreuder. Die Vorschüsse auf geplante Werbefilme, die Alfons immer wieder aushandeln kann, reichen meist nur für's tägliche Überleben. Manchmal werden alle Lebensmittel auf Pump eingekauft. Der Bäcker gibt keinen Kredit mehr. Verwandte und Freunde in Deutschland werden um Hilfe angegangen. Alfons' Schwester Edith, die in Palästina in komfortablen Verhältnissen lebt, soll helfen. Unterdessen werden Kreuder und Bill immer wieder von Malaria-Anfällen heimgesucht. Hanns Ulbricht liegt wegen eines gefährlichen Abszesses mehrere Wochen im Krankenhaus.

Schließlich gelingt es den Freunden aber doch, die Kamera auszulösen und sie beginnen mit der Filmarbeit. Am 12. April 1927 schreibt Kreuder: "Heute brachte TO PHOS, die größte Zeitung Mazedoniens, einen Artikel über uns... ein Nachrichtenbüro hat Vertrag mit Hochhauser, der im Filmen gute Fortschritte leistet". Auch das Entwickeln und Schneiden machen die Freunde selbst. Ob es zur Premiere der Wochenschau kam, die Kreuder am 15. April in einem Brief für die folgende Woche ankündigte und zwar "im besten Kino Saloniks", ist unklar. Immerhin scheint das Quartett noch einmal kreditwürdig geworden zu sein, denn am 30. Mai berichtet Kreuder von einem größeren Filmauftrag der Bierfabrik Olympos. Der Vorschuss von 1500 Drachmen sei allerdings bereits wieder verbraucht. Die Aufnahmen sollten eigentlich schon beginnen, jedoch brauche Hochhauser wieder 2000 Drachmen, um die Kinette "zum hundertsten Mal" beim Pfandleiher auszulösen.

Irgendwann in diesem Frühjahr 1927 muss Alfons von griechischen Freunden zu einer Bootsfahrt entlang der Pelionküste eingeladen worden sein. Er hat diese Fahrt später immer wieder als schicksalhaft für ihn beschrieben:"Mir war, als sei ich hier schon einmal gewesen. Ich sah diese herrliche, wilde Küste mit ihren Höhlen, Klüften und Schluchten und wusste: Ich war angekommen".

Kreuder und Ulbricht waren im Juni nach Deutschland heimgekehrt. Alfons bleibt mit einem Berg von Schulden zurück. Er muss den Traum von einer Filmkarriere begraben und schließlich die Kinette verkaufen. Einige Monate arbeitet er als Tabakkoster für eine österreichische Importfirma in Thessaloniki. Aber im Februar1928 entschließt er sich zu einem Neuanfang. Nur mit dem Allernötigsten versehen, bricht er zum Pelion auf.

                                                                Dieter Harsch im März 2010

                                                                                                     

 

                                                                                                             

 


 

 

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